
Vertrag unterschrieben – und trotzdem unsicher?
Warum junge Menschen trotz Ausbildungsvertrag weiter nach Ausbildungsstellen suchen
Ein unterschriebener Ausbildungsvertrag war früher eine sichere Sache. Die Entscheidung war getroffen. Der Weg in den Beruf klar. Heute sieht das anders aus. Laut einer aktuellen Untersuchung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) suchen rund fünf Prozent der Jugendlichen nach Vertragsabschluss weiter nach Ausbildungsstellen – obwohl sie bereits zugesagt haben. Hochgerechnet betrifft das über 23.000 junge Menschen pro Jahr. Für viele Praxen, die dringend Nachwuchs suchen, ist das eine beunruhigende Zahl.
Doch was steckt dahinter? Laut dem BIBB-Report deutet vieles darauf hin, dass weniger fehlende Loyalität als vielmehr Unsicherheit junge Menschen dazu bringt, sich weiter umzusehen. Viele Jugendliche wissen beim Unterschreiben des Vertrags noch nicht genau, ob sie die richtige Entscheidung getroffen haben – oder ob es da draußen vielleicht doch noch etwas Besseres gibt.
Zwischen Plan A und Plan B
Rund ein Drittel der Befragten gab an, dass die gewählte Ausbildung nicht die erste Wahl war. Der Vertrag wurde unterschrieben, um überhaupt etwas Sicheres in der Hand zu haben – manchmal, weil die Wunschstelle nicht geklappt hat, manchmal aus Zeitdruck. Erst danach kommt das Nachdenken: „War das wirklich das Richtige?“
Ein weiteres Viertel sucht weiter, weil es Zweifel an seiner Entscheidung hat. Manche wollen sich nur vergewissern, dass sie den passenden Weg gewählt haben. Andere möchten sich absichern, falls der Ausbildungsplatz doch noch gestrichen wird oder sie die Probezeit nicht überstehen.
In Zeiten vieler Wahlmöglichkeiten fällt es schwer, sich endgültig festzulegen. Einige Berufseinsteiger wollen sicher sein, keine Chance zu verpassen – und halten sich deshalb noch Alternativen offen.
Wenn Erwartungen und Realität auseinandergehen
Etwa jeder Fünfte sucht weiter, obwohl die Ausbildung schon begonnen hat. Der Grund: Die Erwartungen passen nicht zur Realität. Häufig geht es um unklare Abläufe, mangelnde Struktur, Überforderung oder ein schwieriges Betriebsklima. Manche Jugendliche berichten, sie fühlten sich „nicht als Lernende, sondern als Arbeitskraft“. Auch das Thema Betreuung spielt eine Rolle: Fehlt eine feste Ansprechperson oder Zeit für Feedback, entsteht schnell das Gefühl, nicht am richtigen Platz zu sein.
Praxis-Tipp: Erwartungen realistisch kommunizieren
Viele Unsicherheiten entstehen, weil junge Menschen sich den Praxisalltag ganz anders vorstellen, als er tatsächlich ist. Für Zahnarztpraxen bedeutet das: Der Vertragsabschluss ist erst der Anfang. Entscheidend ist, wie sicher und willkommen sich Auszubildende in den ersten Wochen fühlen. Um spätere Enttäuschungen zu vermeiden, hilft ein ehrlicher Einblick vor Vertragsabschluss – und eine klare Struktur danach.
So gelingt’s:
- Schnuppertag statt Hochglanz-Image: Azubis einen Tag mitlaufen lassen, auch bei Routinetätigkeiten. Wer sieht, wie der Praxisalltag abläuft und wieviel Teamarbeit dazugehört, trifft bewusster seine Entscheidung.
- Echte Gespräche führen: Im Bewerbungsgespräch offen ansprechen, was Azubis erwartet – von den Arbeitszeiten über die Aufgaben bis zu den Lernphasen und der Verantwortung.
- Mentor benennen: Eine feste Ansprechperson aus dem Team schafft Vertrauen und nimmt Unsicherheiten.
- Feedback von Anfang an: Schon in den ersten Wochen regelmäßig fragen: „Wie läuft’s für dich? Was überrascht dich?“ Das zeigt Interesse und verhindert, dass kleine Zweifel wachsen.
- Alltag sichtbar machen: Kurze Posts auf Social Media oder ein Abschnitt auf der Website, der „einen Tag in der Ausbildung“ zeigt, wirken ehrlicher als Hochglanzfotos.
Fazit: Die Studie zeigt: Die meisten jungen Menschen bleiben ihrer Entscheidung treu. Doch selbst die wenigen, die nach Vertragsabschluss noch weitersuchen, tun das meist nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil sie auf der Suche nach Sicherheit sind. Je realistischer Praxen kommunizieren, wie die Ausbildung wirklich aussieht, desto sicherer fühlen sich Azubis mit ihrer Entscheidung – und desto größer ist die Chance, dass sie bleiben.
Quelle:
- BIBB-Report 4 | 2025: „Geht da noch was anderes? Warum junge Menschen nach Abschluss eines Ausbildungsvertrages weiter nach Ausbildungsstellen suchen“, Bonn 2025, S. 2, 7–11.
- Bundesagentur für Arbeit, Ausbildungsberuf ZFA.
- Bundesagentur für Arbeit, Gute Chancen für angehende Azubis: Jetzt noch einen Ausbildungsplatz sichern!
