
Essstörungen sind längst kein Randthema mehr. In Deutschland zeigt eine Studie des Robert Koch-Instituts (RKI), dass vor allem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene betroffen sind. Besonders auffällig: Rund 33,6 Prozent der Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren weisen Symptome einer Essstörung auf, bei Jungen derselben Altersgruppe sind es etwa 12 Prozent. Auch die Fallzahlen sind in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen. Diese Entwicklung macht deutlich: Essstörungen sind ein relevantes Gesundheitsproblem, das auch in der Zahnarztpraxis sichtbar wird.
Wer ist betroffen?
Am häufigsten treten Essstörungen bei jungen Menschen und bei Frauen auf, allerdings gibt es eine hohe Dunkelziffer. Studien zeigen außerdem, dass soziale und gesellschaftliche Faktoren eine Rolle spielen. Bildungsgrad, Lebensumfeld und weitere Rahmenbedingungen beeinflussen, wie häufig Symptome auftreten. Oft wird auch über den Einfluss von Schönheitsidealen und sozialen Medien diskutiert. Wie groß dieser Einfluss tatsächlich ist, wird aktuell noch erforscht. Sicher ist, dass Essstörungen viele Ursachen haben und nicht nur die Psyche, sondern den ganzen Körper betreffen.
Auch international ist das Thema relevant. Australien gilt derzeit als das Land mit dem weltweit höchsten bekannten Anteil an Betroffenen. Das zeigt, dass Essstörungen kein Randphänomen sind, sondern ein ernstzunehmendes globales Gesundheitsproblem.
Zähne als stille Zeugen
Für die Mundgesundheit können Essstörungen erhebliche Folgen haben. Bei Magersucht fehlen dem Körper wichtige Nährstoffe. Das kann den Zahnschmelz schwächen, Zähne brüchiger machen und die Mundschleimhaut empfindlicher. Wunden heilen schlechter und Entzündungen treten leichter auf, da das Immunsystem insgesamt geschwächt ist.
Besonders deutlich sind die Schäden bei Bulimie. Durch das häufige Erbrechen gelangt aggressive Magensäure in den Mund. Sie greift vor allem die Rückseiten der oberen Frontzähne an. Der Zahnschmelz wird dünner, Kanten können abbrechen und die Zähne reagieren empfindlich auf Kälte oder Süßes. Hinzu kommen Reizungen von Zahnfleisch und Schleimhäuten. Ein häufiges Problem ist, dass viele Betroffene sich direkt nach dem Erbrechen die Zähne putzen. Das schadet jedoch zusätzlich, weil der aufgeweichte Zahnschmelz dann noch leichter abgerieben wird.
Auch beim sogenannten Binge Eating, also wiederholten Essanfällen, leidet die Mundgesundheit. Oft werden in kurzer Zeit große Mengen – nicht selten sehr zuckerhaltige Lebensmittel – gegessen. Danach bleibt die Zahnpflege mitunter aus. Das begünstigt Plaque, Karies und Zahnfleischentzündungen.
Die Praxis als wichtiger Ort zum Hinschauen
Zahnärztinnen, Zahnärzte und Praxisteams erkennen solche Veränderungen häufig früh. Oft sind sie die Ersten, denen typische Schäden auffallen – noch bevor sich Betroffene wegen der Essstörung Hilfe suchen. Genau darin liegt eine Chance: Wer sensibel nachfragt und das Thema behutsam anspricht, kann einen wichtigen Impuls geben.
Natürlich geht es dabei nicht um Diagnosen oder Therapien in der Zahnarztpraxis. Es geht um Aufklärung, den Schutz der Zähne und darum, auf passende Hilfsangebote hinzuweisen. Beratungsstellen und anonyme Angebote können für viele ein erster, wichtiger Schritt sein.
Hilfreich ist es, konkrete Anlaufstellen nennen zu können, zum Beispiel die Telefon- und Onlineberatung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder die Beratungsangebote von ANAD e. V. Viele Patientinnen und Patienten suchen erst wegen der Zahnschäden Hilfe. Die Zahnmedizin kann früh warnen, doch die eigentliche Ursache ist eine psychische Erkrankung, die in professionelle Hände gehört.
Was im Alltag hilft
Neben der zahnärztlichen Behandlung sind einfache Maßnahmen wichtig. Nach dem Erbrechen sollte man zunächst den Mund mit Wasser ausspülen und mit dem Zähneputzen etwas warten. Außerdem sind eine sanfte Zahnpflege und regelmäßige Kontrollen wichtig. Vor allem aber braucht es Verständnis und Unterstützung. Denn wenn die eigentliche Erkrankung behandelt wird, profitieren am Ende auch die Zähne und die gesamte Gesundheit.
- proDente, Presseinfo Essstörungen – die Zähne leiden mit unter Essstörungen – die Zähne leiden mit
- Robert-Koch-Institut, Studie zu Störungen des Essverhaltens unter https://www.rki.de/DE/Themen/Nichtuebertragbare-Krankheiten/Psychische-Gesundheit/Essstoerungen/Essverhalten-KiGGS.pdf?__blob=publicationFile&v=1
- Statista, Statistik zu Essstörungen in Deutschlandunter https://de.statista.com/themen/10246/essstoerungen/
- Kostenlose und anonyme Hilfe im Internet unter https://essstoerungen.bioeg.de/hilfe-finden/
