
Prof. Dr. Dirk Ziebolz ist überzeugt: Die persönliche Mundhygiene ist längst mehr als nur eine Routineangelegenheit – sie ist Teil eines gesunden Lebensstils. Der Zahnarzt und APL-Professor der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie der Medizinischen Hochschule Brandenburg (MHB) sucht deshalb aktiv den Austausch mit (Allgemein-)Medizinern.
Sein Ziel: Mundgesundheit stärker mit der Allgemeingesundheit zu verknüpfen. Denn es zeigt sich immer deutlicher, wie eng beide Bereiche zusammenhängen.
Fünf Säulen für ein gesundes Leben
Nach Ansicht von Dirk Ziebolz gehört eine adäquate persönliche Mundhygiene in eine Reihe mit anderen zentralen gesundheitsfördernden Lebensstilfaktoren wie Rauchverzicht, ausgewogene Ernährung, Bewegung und Stressreduktion.
„Ich würde die Mundhygiene, als eine von fünf Säulen für eine gesunde Verhaltensweise nennen. Wer eine davon vernachlässigt, gefährdet nicht nur Zähne und Zahnfleisch, sondern die gesamte Gesundheit.“
Viele Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Leiden oder Parodontitis haben gemeinsame Ursachen und bedingen sich gegenseitig. Dadurch wird die Zahnmedizin automatisch auch zu einem Teil der allgemeinen Präventionsmedizin.
Bonusheft ist ein unterschätztes Präventionsinstrument
Dass Deutschland heute eine vergleichsweise gute Mundgesundheit aufweist, führt Dirk Ziebolz nicht nur auf die Professionalität der Zahnmedizin und gute Präventionsangebote in den Zahnarztpraxen sowie Patientenaufklärung zurück. Auch das Bonusheft der Krankenkassen trage entscheidend dazu bei.
„Es sorgt dafür, dass Menschen überhaupt erst regelmäßig zum Zahnarzt gehen – unabhängig davon, ob sie konkrete zahnärztliche Präventionsleistungen in Anspruch nehmen.“
Trotzdem besteht Handlungsbedarf: Zwar gehen 90 Prozent der Menschen regelmäßig in die Praxis, dennoch gibt es weiterhin einen hohen Behandlungsbedarf, gerade bei Parodontitis.
„Das zeigt, dass der Zahnarztbesuch allein nicht automatisch Gesundheit bedeutet“, so Dirk Ziebolz. Entscheidend sei, wie die Patienten die Angebote nutzen, Therapien wahrnehmen und ob sie bereit sind, gesundheitsschädliche Verhaltensweisen zu ändern.
Prävention funktioniert nur gemeinsam mit den Patienten
Die größten Risikofaktoren für systemische und orale Erkrankungen sind nach heutigem Wissensstand klar benannt: Rauchen, ungesunde Ernährung, Stress und Bewegungsmangel sowie eine unzureichende Mundhygiene. Hier sind Aufklärung und Sensibilisierung gefragt, doch dafür bleibt im Praxisalltag oft zu wenig Zeit.
Dirk Ziebolz betont, dass sich Teile der Aufklärung gut delegieren lassen:
„Gut geschulte Prophylaxeassistentinnen oder Dentalhygienikerinnen können Patienten umfassend begleiten. Die Gesamtverantwortung für Diagnosen und Therapie bleibt jedoch beim Zahnarzt.“
Unterstützung erwartet er zudem von der Digitalisierung. Eine von ihm mitentwickelte App (ara.onl) erfasst individuelle Risiken und gibt Handlungsempfehlungen, um mehr Sicherheit im Umgang mit Erkrankungen, Medikamenten und vorliegenden Lebensstilfaktoren in der Patientenbetreuung zu erlangen.
Künstliche Intelligenz könne ebenfalls dabei helfen, Informationen zu filtern. Aber: „KI ersetzt nicht das Gespräch zwischen Arzt, Zahnarzt und Patient. Ohne den Patienten funktioniert keine Prävention. Verhaltensänderung zu erreichen, ist eine große Herausforderung für beide Seiten – Patient und Behandler.“
Überzeugt vom interdisziplinären Austausch
Dirk Ziebolz ist überzeugt: Ohne eine enge Zusammenarbeit mit der (Allgemein-)Medizin wird es keine wirklich wirksame gesamtheitliche Prävention geben.
Bislang fehle es an echter interdisziplinärer Kooperation, was auch an strukturellen Hürden liege: „In der medizinischen Ausbildung spielt Zahnmedizin kaum eine Rolle, und es gibt kein Überweisungssystem /-struktur zwischen den Disziplinen.“ Dabei sei der gemeinsame Ansatz entscheidend, da viele Erkrankungen dieselben Risikofaktoren haben und in einem engen Zusammenhang zueinanderstehen.
Für die Zukunft wünscht er sich, dass die Prävention nicht nur in der Zahnmedizin, sondern auch in der (Allgemein-)Medizin früher ansetzt. Denn je länger gesundheitsschädliche Verhaltensweisen bestehen, desto schwerer lassen sie sich ändern.
„Wir müssen Patienten schon früh für Prävention sensibilisieren und nicht erst, wenn sie bereits krank sind.“
Hierfür wird ein gemeinsamer Austausch über eine patienten- und präventionsorientierte Versorgung angestrebt, wie er unter anderem in der Podcast-Reihe “Medizin trifft Zahnmedizin” angestoßen wurde.
