BEWE 2.0: Das neue Bewertungssystem für abgenutzte Zähne

Ester Hoekstra, Adrian Lussi
Ester Hoekstra

BEWE 2.0 hilft dem Praxisteam, Zahnhartsubstanzverluste schnell zu erfassen. Erfahre, was die fünf Stufen bedeuten, wie das Risiko bewertet wird und wie du Patientinnen und Patienten beraten kannst.

Beispiele für die fünf Stufen des BEWE 2.0.

Was ist das BEWE 2.0?

Das BEWE ist ein Screening-System zur Erfassung und Dokumentation von Zahnhartsubstanzverlusten. Die Bezeichnung steht für „Basic Erosive Tooth Wear Examination“ und wurde ursprünglich zur Erfassung erosiver Zahnhartsubstanzverluste entwickelt. Das System gibt es seit 2008. Jetzt haben Zahnärztinnen und Zahnärzte, Zahnmedizin-Professorinnen und Zahnmedizin-Professoren, Dentalhygienikerinnen und Dentalhygieniker sowie Prophylaxe-Expertinnen und Prophylaxe-Experten aus der Industrie gemeinsam eine verbesserte Version entwickelt.

Heute wird das BEWE schon in vielen Zahnarztpraxen genutzt, allerdings noch nicht in allen. Viele Praxisprogramme haben es bereits integriert. Das System teilt den Mund in sechs Bereiche, sogenannte Sextanten, ein. In jedem Bereich wird der am stärksten abgenutzte Zahn bewertet.

Das Besondere: Das BEWE ist schnell und einfach zu erstellen. Es soll das gesamte Praxisteam daran erinnern, bei jeder Patientin und jedem Patienten auf abgenutzte Zähne zu achten und das Ergebnis zu notieren. Denn Zahnabnutzung ist die dritthäufigste Zahnerkrankung – nach Karies und Zahnfleischerkrankungen.

Warum nutzen wir die Begriffe „Erosion“ und „Abnutzung“?

Meistens sind Säuren die Hauptursache, aber oft kommen mehrere Faktoren zusammen. Obwohl das BEWE ursprünglich für erosiven Zahnhartsubstanzverlust entwickelt wurde, werden heute alle klinisch sichtbaren Zahnhartsubstanzverluste erfasst – unabhängig von ihrer Ursache.

Verschiedene Arten abgenutzter Zähne

  • Erosion: Sie entsteht durch Säuren, zum Beispiel aus Getränken wie Cola oder Fruchtsaft.
  • Abrasion: Sie entsteht durch zu festes Zähneputzen oder andere Fremdkörper.
  • Attrition: Sie entsteht durch Zähneknirschen.

Was war das Problem mit dem alten BEWE?

Das alte System hatte vier Stufen von 0 bis 3. Das größte Problem: Stufe 3 war sehr breit gefasst. Sie umfasste sowohl leicht abgenutzte Zähne als auch Zähne, bei denen die Krone fast komplett weg war. Das machte es schwierig, die wirklich schweren Fälle richtig zu erkennen.

Außerdem war es schwer, zwischen Stufe 0, also perfekt gesunden Zähnen, und Stufe 1, also ganz leichter Abnutzung, zu unterscheiden. In Studien hatte fast niemand mehr eine 0. Fast alle Menschen hatten zumindest leichte Abnutzungsspuren.

Was ist neu beim BEWE 2.0?

Die gute Nachricht: Das System bleibt im Grundsatz gleich. Es gibt aber wichtige Verbesserungen. Ergänzt wurde eine zusätzliche Stufe 4 für stark geschädigte Zähne.

Die neue Stufe 4 wird vergeben, wenn mehr als 2 Millimeter Zahnhartsubstanz an der vestibulären Fläche auf Höhe des Zahnhalses verloren gegangen sind. Dies wird auch als Abfraktion bezeichnet. Die 2 Millimeter kannst du gut mit der Parodontalsonde messen, die auch zur Zahnfleischuntersuchung genutzt wird.

Zwei Millimeter Verlust sind ein klares Zeichen dafür, dass der Zahn stark geschädigt ist. Bei so viel Verlust muss die Zahnärztin oder der Zahnarzt oft etwas unternehmen, zum Beispiel eine Füllung oder eine Krone. Diese neue Grenze hilft also bei der Behandlungsplanung.

Das Expertenteam hat nach ausführlicher Literaturrecherche außerdem beschlossen, dass alle durchgebrochenen Zähne bewertet werden – auch die Weisheitszähne. Zähne mit großen Füllungen, die mehr als die Hälfte der Oberfläche bedecken, werden nicht bewertet. Dort lässt sich nicht erfassen, ob die Zahnhartsubstanz durch Karies verloren gegangen ist oder nicht. Sobald ein Gebiss komplett überkront ist, ist eine Bewertung nach dem BEWE nicht mehr möglich.

Wie funktioniert die Bewertung?

Das Bewertungssystem wurde 2008 von verschiedenen Professorinnen und Professoren aus der Zahnmedizin aus Großbritannien und der Schweiz entwickelt, um erosive Zahnhartsubstanzverluste systematisch zu erfassen. Nach fast 20 Jahren trafen sich diese Fachleute mit weiteren Professorinnen und Professoren, praktizierenden Zahnärztinnen und Zahnärzten, einer Dentalhygienikerin und verschiedenen Forschenden aus der Industrie, um das bewährte Instrument zu überarbeiten und an aktuelle Anforderungen anzupassen.

Das Expertenteam entwickelte gemeinsam eine Tabelle, die das Praxisteam dabei unterstützt, schnell und effizient zu arbeiten.

Die fünf Stufen des BEWE 2.0

StufeWas du siehst
0Keine klinisch sichtbaren Zahnhartsubstanzverluste, keine Abnutzung sichtbar.
1Die Oberfläche ist nicht mehr glänzend, aber es gibt noch kein Loch und keine Delle.
2Du siehst eine Delle oder ein Loch, aber weniger als die Hälfte der Zahnfläche ist betroffen. Manchmal ist schon das gelbliche Dentin sichtbar.
3Mehr als die Hälfte der Zahnfläche ist abgenutzt, aber weniger als 2 Millimeter tief. Manchmal ist das Dentin sichtbar.
4Mehr als die Hälfte der Zahnfläche ist abgenutzt und/oder mehr als 2 Millimeter sind verloren gegangen.

Wichtig für die Praxis: Wenn du unsicher bist, nimm die niedrigere Stufe und bestelle die Patientin oder den Patienten erneut ein. Beurteile dann anhand des Risikos erneut.

Wie bewerten wir das Risiko?

Früher wurden alle Werte der sechs Bereiche zusammengezählt. Das Problem: Wenn jemand vorne stark abgenutzte Zähne hatte, hinten aber fast keine, wurde das Risiko unterschätzt.

Neu ist: Analog zum parodontalen Screening entscheidet künftig der höchste Einzelwert über die Risikoeinstufung. Beispiel: Wenn in einem Bereich eine 4 vorkommt, hat die Patientin oder der Patient ein hohes Risiko – auch wenn in den anderen Bereichen nur die Werte 0 und 1 stehen.

Was bedeutet welches Risiko?

RisikoWarum?Was wird gemacht?
NiedrigDer höchste Wert ist 1 oder niedriger.Normale Kontrollen; bei jeder Untersuchung neu prüfen; Patientinnen und Patienten über gesunde Ernährung informieren.
MittelDer höchste Wert ist 2.Ausführliche Beratung zu Zahnpflege und Ernährung; Fluoridbehandlungen, zum Beispiel mit Fluoridlack; normalerweise noch keine Füllungen nötig; bei jeder Untersuchung neu prüfen.
HochDer höchste Wert ist 3 oder 4.Intensive Beratung zu Zahnpflege und Ernährung; regelmäßige Fluoridbehandlungen; eventuell Füllungen oder andere Behandlungen; engmaschige Kontrollen.

Deine Rolle im Praxisteam

Für die Untersuchung bereitest du die Instrumente wie gewohnt vor und hältst zusätzlich die Parodontalsonde bereit. Falls erforderlich, kann die Zahnärztin oder der Zahnarzt damit den vestibulären Zahnhartsubstanzverlust messen.

Wie beim parodontalen Screening dokumentierst du die genannten Werte in der Karteikarte oder im Praxisverwaltungssystem.

Auch bei der Patientenberatung kannst du unterstützen. Erkläre deiner Patientin oder deinem Patienten, dass viele Menschen abgenutzte Zähne haben und wie diese entstehen. Du kannst auf säurehaltige Getränke hinweisen, zum Beispiel Cola, Fruchtsaft, Energydrinks und Wein. Auch gesunde Smoothies mit Obst können für extreme Säureanfälle sorgen.

Empfehle deiner Patientin oder deinem Patienten, fluoridhaltige Zahnpasta zu benutzen, gegebenenfalls auch fluoridhaltige Mundspüllösungen. Bei einem hohen Risiko ist es sinnvoll, an engmaschigere Kontrolltermine in der Zahnarztpraxis zu erinnern.

Als Konzept könnte die Zahnarztpraxis das BEWE bei jeder neuen Patientin und jedem neuen Patienten integrieren. Es ist auch sinnvoll, die Bewertung bei allen Bestandspatientinnen und Bestandspatienten regelmäßig zu wiederholen – je nachdem, wie hoch das Risiko ist.

Fazit

Das BEWE 2.0 ist ein verbessertes, aber immer noch einfaches System. Mit der neuen Stufe 4 können stark abgenutzte Zähne besser erkannt werden.

Für dich als Praxismitarbeiterin oder Praxismitarbeiter bedeutet das: Bei der Dokumentation gibt es jetzt fünf statt vier Stufen zu notieren. Das System hilft dem gesamten Praxisteam, Zahnabnutzung früh zu erkennen und Patientinnen und Patienten besser zu beraten.

Häufige Fragen und mögliche Antworten

Wann soll man mit der Behandlung beginnen?

Das hängt von der Patientin oder dem Patienten ab. Manche möchten schon bei Stufe 3 etwas machen lassen, andere warten lieber ab. Stufe 4 bedeutet starke Abnutzung. Hier wird oft eine Behandlung empfohlen. Die Entscheidung trifft aber immer die Patientin oder der Patient gemeinsam mit der Zahnärztin oder dem Zahnarzt.

Kann man das auch bei Kindern machen?

Ja, das BEWE funktioniert auch bei Milchzähnen. Bei Kindern wird meist anders behandelt als bei Erwachsenen. Oft reicht es, die Ursache zu beheben, zum Beispiel weniger süße Getränke zu trinken, und abzuwarten.

Was ist der Unterschied zu Karies?

Bei Karies zerstören Bakterien den Zahn. Bei erosiven Schäden sind es Säuren aus Essen und Trinken, oft zusammen mit mechanischer Belastung durch Putzen oder Knirschen.

Die Zähne sehen unterschiedlich aus: Typischerweise zeigen erosive Defekte glatte, flächige Oberflächen, während kariöse Läsionen eher weich, rau und häufig verfärbt erscheinen.

recall® Das Praxisteam-Magazin immer mit dabei

Mit unserem E-Paper haben Sie die Möglichkeit alle Ausgaben kostenfrei mobil auf Ihrem Smartphone, Tablet oder Laptop zu lesen.

Recall Magazin