„Patienten können nicht zu jung für ein Prophylaxekonzept sein“

recall Frau Dr. Serke, können Sie Ihr Konzept kurz erläutern?
Dr. Vivian Serke Unser Zahnputz-Club ist ein Prophylaxekonzept, bei dem die Betreuung der kleinen Patienten in einem Clubgefüge stattfndet. Es soll Spaß machen, ein Mitglied zu sein und ein Zugehörigkeitsgefühl aufbauen. Unterstützt wird dieses durch praxiseigene Clubkarten, die nach jedem Termin mit einem Sticker bestückt werden. Durch einen frühestmöglichen Zahnarztkontakt sollen Karies, Zahnfleischentzündungen, Zahnverlust und entsprechende Folgeerkrankungen vermieden und gleichzeitig ein Vertrauensverhältnis zwischen den Eltern, den Kindern und dem Arzt mit seinem Team aufgebaut werden.

recall An welche Kinder richten Sie sich mit Ihrem Zahnputz-Club?
Mahmoud K. Faheem Damit wollen wir vor allem Kleinkinder erreichen. Wir teilen die kleinen Patienten in die Gruppe der unter Dreijährigen und Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren ein.

recall Warum ist es Ihrer Meinung nach so wichtig, ein eigenes Prophylaxekonzept bereits für Kleinkinder zu haben?
Mahmoud K. Faheem In einem eigenen Prophylaxekonzept, bei uns ist es der Zahnputz-Club, ist der Ablauf genau beschrieben und somit für alle Beteiligten reproduzierbar. Die Inhalte sind außerdem festgelegt und genau auf die Bedürfnisse der kleinen Patienten abgestimmt. Das ist wichtig, denn Kinder unter drei Jahren und Mädchen und Jungen im Alter zwischen drei und sechs Jahren sind von ihrer ganzen Entwicklung und von ihren Bedürfnissen nicht mit älteren Kindern ab sechs Jahren, also mit einem Alter in der die Individualprophylaxe eigentlich beginnt, vergleichbar. Nur durch ein solches Konzept können Sie in der Praxis von Anfang an auf einem gleichbleibend hohen Niveau arbeiten und eine nachhaltige Verbesserung der Zahn- und Mundgesundheit für diese Kinder erzielen.

recall Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrem Zahnputz-Club konkret?
Dr. Vivian Serke Die aktuelle Studie der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpfege e.V. (DAJ) besagt, dass 13,7 Prozent der Dreijährigen Karies aufweisen. Auch wir sehen in unserer Praxis diese Kinder und nehmen mit viel Engagement jeden Tag den Kampf gegen die frühkindliche Karies auf. Ihr Hauptverursacher ist die sogenannte Nuckelfaschenkaries (Early Childhood Caries, kurz ECC), die als häufgste chronische Krankheit bei Kindern im Vorschulalter gilt. Wenn die Kinder mit sechs Jahren das Alter der Individualprophylaxe erreicht haben, ist in vielen Fällen das Gebiss schon massiv geschädigt. Wir wollen den Kindern früher und nachhaltiger helfen und haben deshalb den Prophylaxe- Club für Kleinkinder entwickelt.

Dr. Juliane Einfalt Wir möchten die Versorgungslücke bei Kleinkindern schließen und die Vermeidung beziehungsweise Behandlung der Karies voranbringen. Sobald wir als Zahnärzte ein Defzit in der Mundgesundheit der kleinen Patienten feststellen, erklären wir den Eltern unser Konzept.

recall Und wie wird der Zahnputz-Club angenommen?
Dr. Juliane Einfalt Sehr gut. Sonst würde unser Konzept auch nicht so erfolgreich sein. Es lebt davon, dass die Kinder gern in die Prophylaxe gehen, Erfolge sehen und ein entspanntes Verhältnis zu ihrem Zahnarzt beziehungsweise ihrer Zahnärztin entwickeln.

recall Welche Rolle spielen die Eltern bei der Mundhygiene zuhause?
Dr. Juliane Einfalt Kinder unter drei Jahren und auch Kinder bis zu ihrem neunten Lebensjahr sind darauf angewiesen, dass ihnen ihre Eltern in der täglichen Mundhygiene zuhause helfen. Was passiert, wenn diese Hilfe vielleicht durch Nichtwissen ausbleibt, sehen wir jeden Tag in meiner Praxis. Die Abbildung 2 zeigt die Folgen deutlich.

recall Wie sind Sie und Ihre Kollegen bei der Entwicklung des Konzepts vorgegangen?
Dr. Vivian Serke Wir haben die Kinder zunächst in zwei verschiedene Altersgruppen eingeteilt und uns angeschaut, welche Bedürfnisse die Kinder in der jeweiligen Altersgruppe haben und wie die Problematik konkret aussieht. Außerdem erörterten wir die Fragen, welche Faktoren einer gesunden Zahn- und Mundgesundheit entgegenwirken und in welchen Bereichen wir mit der Aufklärung und Beratung der Eltern viel bewirken können. Die sogenannte Nuckelflaschenkaries entsteht unter anderem, wie der Name sagt, indem Kinder zum Beispiel Säfte, Schorlen, gesüßte Tees und Milchgetränke über einen längeren Zeitraum aus der Nuckelflasche trinken. Dass durch dieses Verhalten in Kombination mit einer ungenügenden Zahnpflege ein massiver kariöser Befall der Milchzähne ausgelöst wird, ist vielen Eltern nicht bewusst.

Wir haben einen genauen Ablaufplan erarbeitet, der die Beratung der Eltern in der jeweiligen Altersgruppe regelt. Er enthält zum Beispiel Ernährungs- und Stilltipps, eine Anleitung verschiedener altersangepasster Positionierungen des Kindes beim täglichen Zähneputzen, die Verwendung von Fluoriden, die Aufklärung des Lutschverhaltens ihrer Kinder, eine Prophylaxesitzung, in der Beläge entfernt und die Zahn- schmelzhärtung durch Fluoridlacke unterstützt wird. Anschließend erfolgen die zahnärztliche Untersuchung und das Einteilen der Kinder in das für sie spezifische Untersuchungsintervall. Das sind nur einige Punkte. Wichtig war uns, dass die Kinder durch den Prophylaxe-Club ein Clubgefühl entwickeln, bei dem es Spaß macht, Mitglied zu sein.

Tipps unserer Interviewpartner:


Dr. Vivian Serke

„Patienten können nicht zu jung für ein Prophylaxekonzept sein. Ganz im Gegenteil: Eine Langzeitstudie aus Jena ist zu dem Ergebnis gekommen, je frühzeitiger der Erstbesuch beim Zahnarzt stattfindet, desto geringer ist der Kariesbefall bei Milchzähnen.1


Mahmoud K. Faheem

„Kleinkinder haben vor allem Angst vor dem Unbekannten. Je früher sie ihr Team in der Praxis kennenlernen, umso dauerhafter wird das Vertrauen aufgebaut und desto nachhaltigere Erfolge können Sie in der Gesundheit der Zahn- und Mundgesundheit erzielen.“


Dr. Juliane Einfalt

„Bis zum neunten Lebensjahr ‚spielen‘ Kinder Zähneputzen. Die korrekte Reinigung muss durch die Eltern erfolgen. Der Hintergrund dabei ist, dass die meisten Kinder erst mit circa neun Jahren motorisch in der Lage sind, alle Zahnflächen korrekt zu reinigen.“

1 Wagner Y, Heinrich-Weltzien R. Evaluation of an interdisciplinary preventive programm for early childhood caries:  ndings of a regional German birth cohort study

Vielen Dank für das Gespräch und Ihnen weiterhin viel Erfolg.

Oral-B (R) UP TO DATE Fortbildungsreihe

Diesmal in eine ehemalige Gießerei aus dem Jahre 1895, die nicht nur mit ihrer Gründerzeitarchitektur beeindruckt. Zum Warming-up nutzten viele der rund dreihundert Teilnehmer einen Rundgang durch das Da Capo Oldtimermuseum. In der verspiegelten Halle lassen sich glänzende Oldtimer aus über 100 Jahren Automobilgeschichte bestaunen, dazu stilechte Mode aus den 20er bis 50er Jahren. 

Den Auftakt des Abends bestritt Prof. Dr. Norbert Krämer, President-elect der International Association of Paediatric Dentistry, mit seinem Vortrag „Kreidezähne – eine neue Volkskrankheit“, ein in der Fachwelt aktuell viel diskutiertes Thema. Er beleuchtete die Herausforderungen für Praxisteams, mit den akuten Beschwerden von Patienten, die unter Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH) leiden, richtig umzugehen. Behandlungsfotos aus mehreren Jahrzehnten belegten eigene Lernkurven und praxiserprobtes Know-how. Dieser Erfahrungsschatz sorgte für einen anschaulichen und authentischen Auftritt, gewürzt mit einer App-gestützten Live-Befragung zu einzelnen Aspekten des Themas ganz im Stil „Wer wird Millionär“ à la Günther Jauch.

Bei der sogenannten Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH) handelt es sich um eine systemisch bedingte Strukturanomalie primär des Schmelzes, welche an einem bis zu allen vier ersten bleibenden Molaren auftritt. Häufig weisen auch die bleibenden Frontzähne und zunehmend auch die 2. Milchmolaren diese Fehlstrukturierung auf. Aktuelle Studien aus Deutschland zeigen, dass im Durchschnitt etwa 10 bis 15 Prozent der Kinder an MIH leiden. Die jüngste DMSV – Studie zur Mundgesundheit berichtet über knapp 30 Prozent (!) der 12-jährigen Kinder, die diese Strukturanomalie haben. Bezogen auf die Mundgesundheit und die Lebensqualität der Kinder ist MIH mittlerweile ein größeres Problem als Karies in dieser Altersgruppe.

Die Ätiologie der MIH muss bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt als weitgehend ungeklärt angesehen werden. Da die Schmelzentwicklung der ersten Molaren und der Inzisivi zwischen dem achten Schwangerschaftsmonat und dem vierten Lebensjahr stattfindet, muss die Störung auch in dieser Zeitspanne aufgetreten sein. Diskutiert wird ein multifaktorielles Geschehen. Als potenzielle Ursachen kommen Probleme während der Schwangerschaft, Infektionskrankheiten, Antibiotikagaben, Windpocken, Einflüsse durch Dioxine sowie Erkrankungen der oberen Luftwege in Betracht. Aufgrund von Tierversuchen konnte ein Zusammenhang zwischen dem Bisphenol A-Konsum und der Entwicklung von MIH nachgewiesen werden.

Charakteristisch ist, dass die betroffenen Molaren häufig recht empfindlich auf mechanische, thermische und chemische Reize sein können. Erklärt wird dies durch eine chronische Entzündung (Reizung) der Pulpa, bedingt durch die erhöhte Porosität des Schmelzes mit andauernder Einwirkung von Noxen. Die betroffenen Patienten klagen über Schmerzen beim Trinken, Essen und Zähneputzen. Dies beeinträchtigt die Lebensqualität der jungen Patienten und erschwert die Behandlung beim Zahnarzt. Trotzdem ist in diesen Fällen ein schnelles therapeutisches Eingreifen dringend geboten.

Die Art der Behandlung hängt von dem Grad der Erkrankung ab. Dies gilt als Grundlage für das neu entwickelte Würzburger MIH-Konzept (MIH-Treatment Need Index) und soll Zahnärzten als Handlungsanweisung zur angemessenen Versorgung der kleinen Patienten dienen. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass MIH aufgrund der Prävalenz als neue Volkskrankheit bezeichnet werden muss. Die schweren Fälle der MIH stellen in der zahnärztlichen Praxis aufgrund der akuten Beschwerden einen Notfall dar. Vom Zahnarzt ist dann ein sofortiges Eingreifen zu erwarten.

Im zweiten Vortrag des Abends erläuterte Dr. med. Catherine Kempf praxisnah an Beispielen die Aspekte des Wissens, welches Zahnmediziner zur Anamneseerhebung und den daraus resultierenden Behandlungsentscheidungen brauchen. Unter dem Titel „Medizin trifft Zahnmedizin – Der Risikopatient in der Prophylaxe: Problem oder trotzdem?“ rüttelte sie mit wichtigen Fragen, beispielsweise wie oft die Anamnese durchzuführen ist, ihr Publikum wach und frischte Wissen mit kurzen Gesetzesauszügen auf. Insbesondere die Behandlung der Risiko-Patienten, zum Beispiel mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, stellt eine tägliche Herausforderung für alle Mitarbeiter in der Zahnarztpraxis dar. Konkret beziehen sich diese auf die Bedeutung der Anamnese und die Konsequenzen für die Terminierung, Lagerung, Therapie, Medikation und vieles mehr. Das Fazit für die Teilnehmer: Der Risiko-Patient in der Prophylaxe – kein Problem, falls er rechtzeitig erkannt wird und die Besonderheiten für dessen Behandlung konsequent beachtet werden.

Auch nach den spannenden Vorträgen konnten die Teilnehmer einzigartige Einblicke hinter die Kulissen der exklusiven Eventlocation ‚Da Capo‘ gewinnen. Bei entspannter After-Work-Atmosphäre mit Getränken und Häppchen im Gespräch mit Kollegen und Referenten konnten die Teilnehmer anschließend den Tag ausklingen lassen.

Für die Teilnahme wurden drei Fortbildungspunkte nach BZÄK und DGZMK gutgeschrieben.

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