
Kaum ein Arbeitstag vergeht noch ohne KI. Ob Texte schreiben, Informationen zusammenfassen, oder Dokumentationen erleichtern: Auch im Gesundheitswesen werden die Einsatzmöglichkeiten immer größer. Doch offenbar wächst gleichzeitig die Sehnsucht nach einer Arbeitswelt, in der nicht hinter jeder Aufgabe die Frage steht: „Könnte das nicht auch eine KI erledigen?“
Wenn Fortschritt müde macht
Eine internationale Befragung von 2.500 Wissensarbeitenden aus fünf Ländern, darunter 500 aus Deutschland, liefert erstaunliche Zahlen: 39 Prozent berichten von „KI-Müdigkeit“ und nutzen entsprechende Tools deshalb bereits seltener. 40 Prozent verstehen häufig nicht, warum sie KI in ihrer Tätigkeit überhaupt einsetzen sollen. Und 27 Prozent haben das Gefühl, dass ihre persönliche Expertise seit der Einführung von KI weniger geschätzt wird.
Das ist bemerkenswert. Denn offenbar richtet sich der Widerstand nicht unbedingt gegen die Technik selbst. Vielmehr vermissen viele Beschäftigte etwas Menschliches und Bedeutsames in ihrer Arbeit. Selbst jüngere Beschäftigte sind keineswegs automatisch begeisterte KI-Fans. In der Befragung sagte mehr als die Hälfte der Generation Z, die Arbeitswelt ohne KI sei besser gewesen.
Wenn die Abkürzung zum Umweg wird
Noch spannender wird es beim versprochenen Zeitgewinn. KI liefert zwar schnell Ergebnisse, aber jemand muss beurteilen, ob sie auch stimmen. Und genau daraus kann neue Arbeit entstehen.
45 Prozent der Befragten korrigieren regelmäßig KI-generierte Arbeit von Kolleginnen und Kollegen. 42 Prozent berichten, dass mangelhafte Ergebnisse Projekte verzögern. Und 39 Prozent verbringen sogar mehr Zeit mit der Überprüfung von KI-Ergebnissen, als sie durch deren Einsatz einsparen.
Für eine Zahnarztpraxis ist dieser Gedanke besonders wichtig. Denn schnell ist nicht automatisch richtig. Ob bei Dokumentation, Kommunikation oder organisatorischen Aufgaben: Wo es um Patienten geht, bleibt die fachliche Prüfung entscheidend. KI kann einen Vorschlag liefern. Verantwortung übernimmt sie nicht.
Keine Lust mehr auf KI?
Vielleicht steckt hinter der KI-Müdigkeit deshalb noch etwas anderes. 42 Prozent der Befragten ärgern sich darüber, dass Aufgaben, für die früher jahrelange Erfahrung notwendig war, mit KI plötzlich fast jeder erledigen könne.
Gerade Praxisteams dürften diesen Punkt gut verstehen. Denn im Praxisalltag besteht Kompetenz eben nicht nur darin, eine Aufgabe irgendwie zu erledigen. Eine erfahrene Mitarbeiterin erkennt beispielsweise, wann ein Patient nervös wird. Sie weiß, welche Rückfrage am Telefon wichtig ist, wann im Terminplan etwas nicht funktionieren wird und wann ein scheinbar kleines Problem Aufmerksamkeit braucht. Dieses Wissen steckt nicht nur in Daten. Es entsteht durch Erfahrung.
Vielleicht brauchen wir weniger KI – aber die richtige
Die Konsequenz aus KI-Müdigkeit muss deshalb nicht lauten: Zurück in die Zeit vor ChatGPT & Co. Interessanter ist die Frage: Wo macht KI unsere Arbeit tatsächlich besser?
Nicht jede Aufgabe braucht ein KI-Tool. Nicht alles, was automatisiert werden kann, muss automatisiert werden. Und ein digitales Werkzeug ist erst dann eine Entlastung, wenn am Ende tatsächlich weniger Arbeit übrig bleibt.
Vielleicht beginnt ein entspannterer Umgang mit KI deshalb mit einem ziemlich analogen Gedanken: Nicht die Technik entscheidet, was sinnvoll ist. Sondern die Menschen, die täglich mit ihr arbeiten.
