
Wer holt eigentlich das Kind ab?
Warum diese kleine Alltagsfrage erstaunlich viel über die Arbeitswelt verrät.
39,7 Prozent zu 88,7 Prozent. Zwei Zahlen, die einen ziemlich großen Unterschied sichtbar machen: 2025 waren 39,7 Prozent der Mütter mit mindestens einem Kind unter drei Jahren erwerbstätig. Bei den Vätern waren es 88,7 Prozent. Das zeigen aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes.
Natürlich sagt diese Statistik nichts darüber aus, wie einzelne Familien ihr Leben organisieren. Wer gerne zu Hause bleibt, wer schnell wieder arbeiten möchte oder wer sich die Betreuung teilt, sind persönliche Entscheidungen. In der Summe aber zeigt sich jedoch ein deutliches Muster: Wenn Kinder kommen, verändert sich das Berufsleben von Frauen sehr viel häufiger als das von Männern.
Und damit sind wir mitten im Praxisalltag.
Aus Vollzeit wird plötzlich Teilzeit
Eine ZFA bekommt ein Kind, nimmt Elternzeit und kehrt anschließend zurück. Vielleicht für 15-, 20- oder 25-Stunden. Der Partner arbeitet weiterhin Vollzeit. Ein ganz normales Modell, das in vielen Familien gut funktioniert.
Doch aus ein paar Jahren Teilzeit können schnell viele Jahre werden. Erst passt die Kita nur bis 15 Uhr, dann beginnt die Schule, die Ferien müssen überbrückt werden und irgendjemand muss einspringen, wenn morgens plötzlich Fieber gemessen wird.
Die entscheidende Frage lautet deshalb vielleicht gar nicht: „Warum arbeiten so viele Mütter weniger?“ Sondern: Könnten manche von ihnen mehr arbeiten, wenn die Bedingungen besser passen würden?
Gerade Zahnarztpraxen sollten sich diese Frage stellen. Denn während überall über Fachkräftemangel gesprochen wird, gibt es möglicherweise eine Personalreserve, die längst im eigenen Team sitzt: gut ausgebildete, erfahrene Mitarbeiterinnen, die gerne ein paar Stunden mehr arbeiten würden, wenn sich Beruf und Familie besser miteinander vereinbaren ließen.
Mehr Stunden müssen ins Leben passen
Dabei geht es nicht immer um den klassischen Halbtagsjob von acht bis zwölf Uhr. Manchmal helfen ganz andere Modelle viel mehr: drei längere Arbeitstage statt fünf kurzer, ein späterer Arbeitsbeginn nach der Kita-Runde, ein fester freier Nachmittag oder Dienstpläne, die frühzeitig feststehen.
Aber was für die eine ZFA perfekt funktioniert, hilft der nächsten überhaupt nicht. Genau deshalb lohnt sich das Gespräch.
Praxis-Tipp: Wer in Teilzeit arbeitet, muss nicht automatisch für immer bei derselben Stundenzahl bleiben. Ein regelmäßiges Gespräch kann hier Klarheit schaffen. Passt dein Arbeitszeitmodell noch zu deinem Leben? Würdest du gerne mehr Stunden arbeiten? Was müsste sich dafür ändern?
Vielleicht sind fünf zusätzliche Stunden pro Woche möglich. Vielleicht aber auch erst im nächsten Jahr. Vielleicht auch gar nicht. Auch das ist eine Antwort.
Teilzeit hat eine lange Schattenseite
Weniger Arbeitszeit bedeutet schließlich nicht nur weniger Stunden in der Praxis. Sie kann auch über viele Jahre hinweg weniger Einkommen, geringere Rentenansprüche und eingeschränkte Entwicklungschancen bedeuten.
Das sollte allerdings kein Argument gegen Teilzeit sein. Teilzeit kann genau die richtige Entscheidung für eine bestimmte Lebensphase sein. Wichtig ist nur, dass aus einer vorübergehenden Lösung kein Dauerzustand wird, über den irgendwann niemand mehr spricht.
Auch Fortbildungen und neue Aufgaben sollten deshalb nicht davon abhängen, ob jemand 20 oder 40 Stunden arbeitet. Wer weniger Stunden in der Praxis verbringt, bringt schließlich nicht weniger Erfahrung, Kompetenz oder Ideen mit.
Und wer holt nun das Kind ab?
Vielleicht heute Mama. Morgen Papa. Am Donnerstag die Oma.
Diese kleine Frage am Ende eines Arbeitstages erzählt jedenfalls mehr über unsere Arbeitswelt, als man zunächst denkt. Denn Familie und Beruf lassen sich nicht allein mit guten Vorsätzen vereinbaren. Es braucht Arbeitsbedingungen, die zum Leben passen, sowie Familien, die Verantwortung teilen können.
Die große Lücke zwischen 39,7 und 88,7 Prozent lässt sich nicht in einer Zahnarztpraxis schließen. Aber vielleicht beginnt Veränderung manchmal mit einer überraschend einfachen Frage: „Wie würdest du eigentlich gerne arbeiten, wenn alles möglich wäre?“.
Quelle:
- Statistisches Bundesamt (Destatis), Mai 2026
